SC Hakoah Wien

Der Sport Club Hakoah wurde am 16. September 1909 in Reaktion auf den Ausschluss "nichtarischer" Sportler aus den österreichischen Turn- und Sportvereinen als jüdischer Verein in Wien Krienau gegründet. Auslöser war das Gastspiel von Vívó és Atlétikai Club Budapest bei First Vienna. Der Verein trat dem ÖFB bei und begann in der II. C-Klasse mit dem Spielbetrieb. Hakoah versprühte schnell große Anziehungskraft. Bis zur gewaltsamen Zerschlagung des Vereins durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 hatten sich Sektionen in den Bereichen Schwimmen, Leichtathletik, Touristik, Ringen, Hockey, Fechten, Handball, Eishockey, Tischtennis, Tennis, Ski, Wasserball, Schach und Boxen gegründet.

 

Die Verquickung von Ideologie und Sport stellte kein außergewöhnliches Phänomen in der Vereinslandschaft der Hauptstadt des multinationalen Vielvölkerreichs Östereich-Ungarn dar. Es exisitierte neben dem nationaljüdischen SC Hakoah zum Beispiel auch der nationalslawisch gesinnte SK Slovan Wien als Ableger der Sokol-Bewegung.

 

Für viele Wiener Jüdinnen und Juden, wie den Schriftsteller Friedrich Torberg (1908 - 1979), stellte Hakoah einen zentralen Bezugspunkt dar: "Ich hatte das unschätzbare Glück, als Zeuge von Hakoah Siegen aufzuwachsen, zusammen mit der Hakoah groß zu werden, [...] mich niemals, keine einzige Sekunde lang, meines Judentums 'schämen' zu müssen. Wofür hätte ich mich denn schämen sollen? Dafür, dass die Juden mehr Goals schossen und schneller schwammen und besser boxten als die anderen? [...] Ich war von Kindesbeinen an stolz darauf, Jude zu sein. Und dieser Stolz, den ich für nichts auf der Welt hergeben würde, bleibt mir für alle Zeiten mit dem Namen Hakoah verbunden." (Zitiert nach John Bunzl)

 

In der Saison 1919/1920 stieg die Hakoah als Meister der zweiten Klasse in die höchste Liga auf und stürmte ins Halbfinale des österreichischen Pokals. Im Achtelfinale wurde die Vienna mit einem 4:0-Auswärtssieg vom Platz gefegt. In der Sommerpause gingen die Wiener auf Auslandstour und hielten mehrfach in Sachsen. Sowohl in Plauen, als auch in Zwickau, Chemnitz, Leipzig und Dresden gingen die Blau-Weißen als Sieger vom Platz. Begleitet wurden die Gastspiele zum Teil mit antisemitischen Ausschreitungen. Vize-Präsident Arthur Baar erinnerte sich: „In Chemnitz, dem Ort unseres zweiten Spieles, machte sich vom Anfang an eine feindselige Stellungnahme des Publikums bemerkbar. Das Spiel wurde von der heimischen Elf überaus hart geführt. Der Schiedsrichter unterließ es, selbst bei den ärgsten Derbheiten einzuschreiten. Wir führten mit einem Tor Differenz, das Spiel ging seinem Ende entgegen, da sprang der Chemnitzer Mittelstürmer dem Hakoah-Centerhalf Grünfeld mit vorgestrecktem Bein an die Brust, der, der ewigen Derbheiten müde, des Bein mit beiden Händen erfasste und es nach oben riss, wodurch der Angreifer nach rückwärts fiel. Das veranlasste den Schiedsrichter, das Spiel abzupfeifen, wobei er heftig gestikulierend das Publikum zum Eindringen ins Spielfeld aufforderte. Mit dem Rufe 'schlagt sie tot', suchte er selbst das Weite.“ Die Mannschaft des SC Hakoah konnte sich nur dank der Chemnitzer Arbeitersportler in Sicherheit bringen, die der Gästemannschaft mit den Worten „Wiener heraus, die Arbeitersportler schützen Euch!“ zur Seite sprangen. (Zitiert nach Simon Schwaiger, S. 34ff)

 

Eine Auslandsreise nach England begründete den legendären Ruf der Hakoah-Elf weit über die Grenzen des Habsburger Reichs hinaus. Am 19. Mai 1923 gastierte die englische Profi-Mannschaft von West Ham United in Wien. Die Hakoah konnte sich vor 40.000 ZuschauerInnen auf der Hohen Warte ein 1:1 erkämpfen. Das Rückspiel im Londoner Upton Park stieg am 4. September 1923. Als erstes kontinental-europäisches Team überhaupt gewann der SC Hakoah ein Spiel auf englischem Boden gegen eine englische Mannschaft. Mit 5:0 schlugen die Blau-Weißen die Hausherren. "Heute aber verdient die Hakoah für ihr glänzendes Spiel, für ihren triumphalen Erfolg, der den Wiener Fußballsport mit einem einzigen Schlag in allen Herren Länder berühmt gemacht hat, vorbehaltslosen Dank und Anerkennung.“ (Illustriertes Sportblatt, 15. September 1923, S. 10.)

 

1925 trugen sich die Fußballer des SC Hakoah in die Annalen des Österreichischen Fußballs ein und wurden das erste und einzige Mal Meister. Die popluären Wiener gingen wieder auf Auslandstournee. Doch zwei Reisen in die Vereinigten Staaten leiteten den sportlichen Niedergang der Hakoah ein. Viele Spieler nahmen lukrative Angebote von us-amerikanischen Vereinen an und blieben in den Staaten.

 

Die Errichtung des austrofaschistischen Ständestaates hatte auf den Spielbetrieb und das Vereinsleben kaum Auswirkungen. Ganz im Gegensatz zur Rassenpolitik der Nationalsozialisten, die den Verein nach dem "Anschluss Österreichs" im Jahr 1938 zerschlugen. Zahlreiche Funktionäre und Spieler fielen der Shoah zum Opfer. Einzelnen Spielern gelang die Flucht nach Palästina, die in Tel Aviv Hakoah 1909 gründeten. Dieser Verein fusionierte zunächst mit Hakoah Tel Aviv, gegründet von ehemaligen Spielern von Hakoah Berlin zum Hakoah Tel Aviv FC und 1962 mit Maccabi Ramat Gan. Nach verschiedenen Namensänderungen spielt der Verein heute als Hakoah Maccabi Amidar Ramat Gan FC.

 

Nachdem die Rote Armee Wien befreite, fanden sich ehemalige Hakoah-Mitglieder im Juni 1945 zusammen, um eine Neugründung des Vereins ins Auge zu fassen. Nach einigen Rückschlägen zog sich die Fußballabteilung 1950 aus dem Spielbetrieb zurück. Heute verfügt der Verein über die Sektionen Basketball, Bowling, Judo, Karate, Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Tischtennis sowie Ski & Touristik.

 

Literatur:

- John Bunzl, Hakoah Wien, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 2 Co–Ha,S. 505 - 507.

 

- Simon Schwaiger, „Sportklub Hakoah Wien – Ikone jüdischen Selbstbewußtseins“. Von der Gründung bis zur Gegenwart, Wien 2008.

 

Freundschaftsspiele

 

Sonntag, 08. August 1920, 17:00

Dresdner Sport-Club - SC Hakoah Wien 2:5 (1:2)

Tore: 1:0 Schanze (8.), 1:1, 1:2, 1:3, 1:4, 1:5, 2:5 Schanze (71.)

DSC: Kaje - Herzog II, Marx - Rentzsch, Herzog I, Rettig - Schrempel, Schanze, Patek, Förtich, Konrad

ZuschauerInnen: 4.000 (DSC-Stadion im Sportpark Ostragehege)

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