Rezension: Hans-Peter Hock - Der Dresden Football Club und die Anfänge des Fußballs in Europa

Vielerorts bewarb man sich bisher um den Titel “Wiege des deutschen Fußballs”. Dresden befand sich neben Braunschweig eine Zeit lang aussichtsreich im Rennen. Derzeit erhebt Lüneburg mit Nachdruck den Anspruch. Im Gegensatz zur sächsischen Landeshauptstadt soll in der niedersächsischen Hansestadt bereits 1875 ein Spiel nach den Regeln der englischen Football Association (FA) gespielt worden sein, während zur Gründungszeit des Dresden Football Club (DFC) im Jahre 1874 noch Rugby gespielt wurde. Der Dresdner Archäologe Hans-Peter Hock hat sich intensiv mit diesem Thema befasst und präsentiert die Ergebnisse seiner Spurensuche zum DFC dank des Arete Verlag Hildesheim auf 112 Seiten im A4-Format gedruckt auf Hochglanz.

 

“Der Dresden Football Club und die Anfänge des Fußballs in Europa” ist ein Muss für  jeden, der sich für Geschichte und Kultur der königlich-kurfürstlichen Residenzstadt interessiert. Denn nicht nur Rugby oder Fußball wurde von den Sportlern des DFC betrieben. Kronzeuge ist ein Holzstich aus der Illustrierten Zeitung aus dem Jahre 1874. Zu sehen sind verschiedene Wettkämpfe, die in Dresden lebende Amerikaner und Engländer auf einer Wiese vor dem Großen Garten abhielten. 

 

Diese Veranstaltung stellte den vorläufigen Höhepunkt typisch britischer Freizeitaktivitäten dar, die aufgrund der stetig wachsenden englischsprachigen Community das kulturelle Angebot der Stadt vergrößerten. Seit 1861 fanden beispielsweise Ruderbootrennen auf der Elbe statt und waren zu dieser Zeit eine große Außergewöhnlichkeit. Der sportliche Wettstreit war als “undeutsch” verpönt. Nur das nicht kompetitive, rein dem ästhetischen Ideal dienende Turnen war zur körperlichen Ertüchtigung erwünscht. Gerade deswegen übten diese missliebigen Freizeitbeschäftigungen auf zahlreiche Deutsche große Anziehungskraft aus, die als Zuschauer den Wettkampfplatz säumten und dem mehrfachen Sieger Mister Gaye unter “Hipp, Hipp, Hurrah!”-Rufen ihre Anerkennung ausdrückten.

 

Hock zeichnet eindringlich nach, wie die amerikanische und englische Bevölkerung im Dresdner Süden eine neue Heimat fand und noch heute Einfluß auf das Erscheinungsbild der Stadt hat. Um 1870 entstand das amerikanische Viertel zwischen Bahndamm und Zelleschem Weg. Am Böhmischen Bahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof, befand sich die Presbyterianische Kirche, das religiöse Zentrum der amerikanischen Community, die Anglikanische Kirche an der Wiener Straße, Ecke Beuststraße, war das Zentrum der englischen Gemeinde, die sich vor allem zwischen Großem Garten, Ferdinandplatz und Hauptbahnhof niederließ. Es ist also kein Zufall, dass das fußballerische Gravitationszentrum der Landeshauptstadt mit dem Rudolf-Harbig-Stadion an der Helmut-Schön-Allee ganz in der Nähe der anglo-amerikanischen Niederlassungen steht. Denn dort kickten die Fußballer des DFC, dessen Spieler sich aus den Vierteln der anglo-amerikanischen Kolonien rekrutierten. 

 

Dieser DFC wurde am 18. Oktober 1873 gegründet. Auf den ersten Blick scheint es, dass dieser damit die Antwort auf die unter Fußballhistorikern beliebte Frage nach dem ältesten Fußballverein auf deutschem Boden ist. Hock kommt jedoch zum Schluss, dass sich Dresden nicht als Wiege des Fußballs bezeichnen lassen kann. In der Reihe der ersten Fußballvereine Deutschlands nimmt der DFC zwar eine besondere Rolle ein, die sich auf eine spektakuläre Siegesserie gegen Berliner und Prager Mannschaften in den 90er Jahren stützt und den Ruf einer legendären Elf begründete. Zur Gründungszeit des DFC in den 1870er Jahren praktizierte dieser allerdings eine Art Rugby und nicht den Assoziationsfußball nach den Regeln der englischen FA.

 

Mit dem Aufkommen der ersten deutschen Fußballvereine in Dresden und dem Wandel des Fußballs vom Gentlemen’s zum Sport der Arbeiterklasse fehlte dem DFC später erst der Nachwuchs, anschließend gerät er fast vollkommen in Vergessenheit. Mit seiner reich bebilderten Publikation holt Hock ein spannendes Stück Kulturgeschichte zurück ans Licht und bringt andererseits Klarheit in die Frage nach dem ersten Fußballverein. Er zeichnet sich dabei durch stringente Beweisführung, hohe Quellendichte und ausführliche Quellenangaben aus. Sein Blick schweift dabei immer wieder weit über den Tellerrand hinaus und zeichnet äußerst anschaulich ein ganzheitliches Bild der Frühphase des europäischen Fußballs. 

 

 

Hans-Peter Hock

Der Dresden Football Club und die Anfänge des Fußballs in Europa.

ISBN : 978-3-942468-69-5

Hildesheim 2016

14,95 Euro

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