Josef Simon Leiserowitsch

Foto: unbekannt; Sammlung Buschbom, www.tebe.de
Foto: unbekannt; Sammlung Buschbom, www.tebe.de

 

 

Position: Sturm
Geburtstag: 18. August 1891
Geburtsort: Dresden

Stationen:

 

 

 

- 1912 FC Dresdensia 1898  
1912 - 1913 BFC Hertha 1892  
1913 - 1923 Tennis Borussia Berlin  

 

Joseph Simon Leiserowitsch, genannt "Sim Leiser", erblickt am 18. August 1891 in Dresden auf der Blochmannstraße Nummer 10 als viertes von fünf Kindern des Ehepaars Bassa und Jacob Leiserowitsch das Licht der Welt. Seine Schwestern Luise (*1881) und Bertha (*1886) sowie sein älterer Bruder Leopold (*1883) werden in Minsk geboren, von wo die Familie 1887 nach antisemitischen Pogromen fliehen musste. Anschließend ließen sie sich in der königlichen Residenzstadt Dresden nieder, wo 1898 auch sein jüngerer Bruder Fritz zur Welt kommt. Alle drei Brüder werden sich später bei Tennis Borussia engagieren.

 

Dem Kapellmeister Leopold geht das fußballerische Talent vollkommen ab. Er engagiert sich dafür als Funktionär. Fritz muss nach drei Jahren im lila-weißen Maillot verletzungsbedingt die Fußballschuhe an den Nagel hängen, steht anschließend aber trotzdem auf dem Platz: als Schiedsrichter.

 

Sim Leiser hingegen hat die große Begabung in die Wiege gelegt bekommen und soll der große Star des Berliner Fußballs werden. Viele sagen, er war der erste überhaupt. Und wo begann er seine Karriere? Wie Helmut Schön schnürrte Leiserowitsch zunächst am Rande des Großen Gartens in der Südvorstadt beim FC Dresdensia die Töppen. Mit 22 zieht es ihn allerdings nach Berlin, wo er sich zunächst dem BFC Hertha anschließt, aber nach nur einem Jahr zu Tennis Borussia wechselt. Seine größten sportlichen Erfolge sind die Endspiele um den Kronzprinzenpokal mit der Landesauswahl Berlin-Brandenburgs. Am 8. Juni 1913 steht diese der Westdeutschlands gegenüber. 10.000 Zuschauer verfolgen ein abwechslungsreiches Spiel, welches letztlich mit 3:5 für die Berlin-Brandenburger verloren geht. Fünf Jahre später heißt der Gegner im Finale Norddeutschland. Vor 8.000 Zuschauern in Berlin gelingt mit einem 3:1-Sieg nach Verlängerung der erste Titelgewinn.

 

Nach seiner aktiven Karriere wird Leiserowitsch Funktionär bei TeBe. Von Beruf ist Leiserowitsch Kaufmann und reist dadurch viel herum. 1927 zieht er mit seinem Bruder Fritz in die Dresdner Altstadt, wo er als Kartonagefabrikant arbeitet. Die Kartonagefabriken sind ein wichtiges Standbein der Dresdner Zigarettenindustrie. Nachdem er 1928 bei TeBe ausgetreten ist, schließt er sich seinem alten Verein Dresdensia an und bringt sich auch dort als Funktionär ein.

 

Simon Leiserowitsch bei TeBe (Fünfter von links), Foto: unbekannt; Sammlung Buschbom, www.tebe.de
Simon Leiserowitsch bei TeBe (Fünfter von links), Foto: unbekannt; Sammlung Buschbom, www.tebe.de

 

Auch sein Privatleben ist eher unsteten Charakters. Sim Leiser hat drei Kinder von drei verschiedenen Frauen. Günter Simon kommt 1917 auf die Welt, sein zweiter Sohn Manfred wird 1921 geboren. 1925 wird Sim ein letztes mal Vater. Erich ist sein dritter Sohn. Der rastlose Lebenswandel setzt sich 1931 fort, als Sim Leiser zurück nach Berlin zieht. Dort wird er Geschäftsführer des Zentral-Hotels und des Café Trautenau, das seinem Bruder Leopold gehört.

 

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten dürfen sich Juden nicht mehr am bürgerlichen Spielbetrieb beteiligen oder in bürgerlichen Vereinen engagieren. Sim schließt sich daraufhin dem SV Bar Kochba-Hakoah Berlin an, ehe er noch im selben Jahr mit seiner letzten Frau, die nach ihrer Konvertierung den Namen Miriam trägt, nach Palästina emigriert. In Israel wird er Trainer von Makkabi Tel Aviv sowie Jugendbetreuer bei Hapoel Tel Aviv. Aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse kann sich Leiserowitsch nur als Lagerarbeiter verdingen.

 

Noch in den 50er Jahren schwärmt Hertha-Legende Hanne Sobek vom ersten Star des Berliner Fußballs: "Schon als kleiner Junge, der noch über die Zäune der Berliner Fußballplätze kletterte, nahm ich mir einen Borussen zum Vorbild. Es war Simon Leiserowitsch. Nicht nur sein spielerisches Können, auch seine moralischen Qualitäten haben mir damals sehr imponiert. Bis auf den heutigen Tag ist 'Sim' mein leuchtendes Vorbild geblieben".

 

Am 11. November 1962 stirbt Simon Leiserowitsch in Tel Aviv.

 

Von seinem Sohn Erich ist bekannt, dass dieser zusammen mit seiner Mutter und Simon Leiserowitschs Ex-Frau Waleska 1941 über Frankreich, Spanien und Portugal auf einem Frachter in die USA flüchten kann. Waleska entstammt der Familie Schulmann, die die Xanthí Cigarettenfabrik Aron Schulmann in Dresden besaß. Ihre Geschwister, die bereits in den Staaten lebten, haben die Flucht ermöglicht. Beide amerikanisieren ihre Namen zu Valesca und Eric Leiseroff.

 

Corporal Eric Leiseroff kehrt im Rahmen der Landung der Alliierten bereits im Juni 1944 mit dem 353ten Infanterie Regiment der 89ten Infanterie Division als GI nach Europa zurück. Im Buch "Liberation Day" erzählt er u.a. von seiner Rückkehr, seiner Schulzeit und den Demütigungen, die er in seiner Heimatstadt Königsbrück erdulden musste. In den Briefen an seine Mutter kann Eric nur grausame Nachrichten über das Schicksal seiner Verwandschaft überbringen. Großvater Julius Leiserowitsch wurde 1943 im KZ Theresienstadt ermordet. Simons Bruder Fritz, der seinen Namen auf Leiser verkürzt hatte, wird zusammen mit seiner Frau Amalia und der erst dreijährigen Tochter Baschewa nach Auschwitz deportiert und ermordet. Der ältere Bruder, Konzertmeister Leopold, überlebt in Berlin, weil er einen Gestapo-Beamten bestechen kann. Die beiden Schwestern werden ebenfalls von den Nazis ermordet, Bertha 1943 in Auschwitz und Luise 1944 in Theresienstadt.

 

Sohn Manfred floh mit seiner Mutter nach England und nannte sich fortan Matthews. Simon Günther verschlug es in die USA. Die überlebenden Leiserowitschs hat es in die ganze Welt verschlagen, in die USA, nach England, Italien, Israel oder Shanghai. Erst am 18. September 2014 betrat mit Naomi Leiser eine Leiserowitsch erstmals seit über einem halben Jahrhundert wieder das Mommsenstadion. Mit ihrem Mann Van Wallach ist sie auf den Spuren ihrer Familie nach Deutschland gekommen. "Teile des Grüns und der Blick auf den Funkturm liegen idyllisch im Abendlicht. 'Ein wunderschöner Ort', findet Naomi. 'Hat da oben Onkel Leopold gesessen?', fragt sie und deutet auf die Tribüne. Ja. 'Ein toller Ort!' Naomi und Van lachen einander an."

 

Lesetipps:

 

Feine Leute - Die Enkelin von Simon Leiserowitsch, Naomi Leiser, und ihr Mann Van Wallach am 18.9.14 zu Besuch bei den Berliner Veilchen

 

Werner Skrentny, "Sim Leiser" - die Berliner Fußball-Legende Leiserowitsch, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.), Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003, S. 46 - 53.

 

Excerpts from Interview with Eric Leiseroff

 

Birthright Germany, Part 5: Searching for Sim Leiser, Superstar

 

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