Die Elf der 124fachen Internationalen im Ostragehege

Als ich neulich ein wenig Zeit hatte, machte ich mich auf, ein wenig in den Archivalien der Dresdner Lokalblätter zu suchen. Das Ziel war es, etwas über die Gründung des Dresdner Sport-Club in Erfahrung zu bringen. Nach kraftraubender, stundenlanger Suche musste ich leider feststellen, in den einschlägigen Dresdner Tageszeitungen nichts gefunden zu haben. Um wenigstens etwas Positives von diesem Tag mitzunehmen, suchte ich mir eine Zeitraum, in dem ich mir sicher war, einen Volltreffer zu landen. Letztlich erinnerte ich mich, dass das Museum kurze Zeit zuvor ein Sammelbild der Sportbild-Serie "König Fussball" ersteigerte, welches uns sehr neugierig machte. Ich ahnte nicht, was ich Spannendes herausfinden sollte.

 

Es war das Jahr 1934. Über ein Jahr nach der Machtübertragung an die Nazis wurde die 27. Saison um die Deutsche Fußballmeisterschaft ausgespielt. In Deutschland waren dunkle Zeiten angebrochen. Auch der Fussball blieb von den politischen Veränderungen nicht unberührt. Die regionalen Fußballverbände wurden aufgelöst und wurden durch NS-Organisationen ersetzt. Der Dresdner Sport-Club hatte sich als Meister der sächischen Gauliga für die Endrunde um die Meisterschaft qualifiziert. In der Gruppe D traf der DSC auf den Halleschen FC Wacker, den 1.FC Nürnberg und die Borussia aus Fulda. Gegen selbige begann für die Mohnroten auch die Endrunde. 0:0 hieß es letztlich am 8. April 1934 auf neutralem Boden in Kassel.

Am 15. April gastierte der HFC im Ostragehege und kassierte eine deftige 7:2(3:2)-Klatsche. Nur sieben Tage später, kam es im Städtischen Stadion zu Nürnberg zum ersten Showdown mit dem Staffelfavoriten. Der DSC siegte beim Club mit 2:1 und führte nach 3 von 6 Spielen mit 5 Punkten, einen vor den Nürnbergern, die Tabelle an.

Bevor es am letzten Spieltag zum Endspiel um den Gruppensieg kommen konnte, mussten die beiden Clubs ihre Hausaufgaben erfüllen. Der SC siegte in Probstheida gegen Fulda mit 3:1(1:0) und mit 4:2(2:1) in Halle gegen den HFC Wacker. Gute Vorzeichen! Hinzu kam, dass der FC zwar in Fürth gegen Halle siegte, doch sein Heimspiel gegen die Borussia verpatzte. Der DSC also mit 9:1 Punkten und 16:6 Toren Tabellenführer vor dem 1.FC Nürnberg (7:3 Pkt., 9:4 Tore). Ein unentschieden hätte gereicht, aber der DSC verlor mit 0:1 auf heimischem Platz gegen den Club.

"Na und?", werdet ihr jetzt sagen. Ausgeglichener direkter Vergleich, bei mehr Auswärtstoren, der besseren Differenz und den mehr geschossenen Toren für die Friedrichstädter. Was hätte da schief gegangen sein können? Damals entschied nämlich der Torquotient, das heißt die Tore dividiert durch die Gegentore. Mit 2,3 zu 2,5 ging dieser denkbar knapp an den FCN und die Verantwortlichen konnten nun für die pflichtspielfreie Zeit planen. Und welchen Namen der DSC in Europa gehabt haben muss, lässt sich nur erahnen. Der Dresdner Anzeiger konnte dem Dresdner Fußballpublikum ein Hammer-Programm präsentieren. DSC - AS Roma, DSC - Servette Genf, DSC - Budapest, DSC - Hamburger SV. Wer will da noch um die Deutsche Meisterschaft mitspielen?

Im Anzeiger fanden sich aber nur zwei Berichte zu den propagierten Spielen. Einer über die Partie gegen die Mannschaft aus Budapest. Die Partie gegen den ungarischen Pokalsieger von 1931 (3:1 gegen Ferencváros Budapest) III. Kerületi TUE, auf deutsch auch als 3. Bezirk Budapest geführt, ging nach 2:0 Halbzeitführung noch mit 3:4 verloren. Der andere Bericht drehte sich um folgenden Kracher, womit wir zum Kern der Sache kommen:

"Zum ersten mal weilt eine spanische Fußballmannschaft in Dresdens Mauern, und zwar gleich der diesjährige Fußball-Landesmeister und Pokalsieger 1.FC Madrid. In seiner Heimat mit 6000 Mitgliedern der größte Klub der Hauptstadt, von alter, ruhmreicher Tradition schon als Amateurverein und nicht minder bei den Berufsspielern. Sportlehrer Bru, ein Spanier, betreut die Mannschaft. Namen wie Ricardo Zarmorra und Pepé Samitier haben europäischen Ruf seit ihren Tagen in Barcelona; der Stürmer war war beim FC., der vergötterte Torwart, der in der spanischen Volksgunst gleich hinter dem Stierkämpfer, dem Toreador, rangiert, bei 'Espanol'. Aber auch die beiden mit Portugiesenblut [Sic! Eigentlich sind die beiden Brüder Basken.] in den Adern, die Regueiros, sind Ballkünstler erster Klasse - und von der eisernen Verteidigerbeständigkeit singen sie in Katalanien Balladen. Zieht man die Gesamtsumme der Verwendung der zehn Internationalen für ihre rotgelben Landesfarben zusammen, so kommt die ganz seltene Zahl von 124 (einhundertvierundzwanzig, man muß schon zur Vermeidung von Irrtümern wie auf Postanweisungen auschreiben) heraus. Soll erst in Mitteleuropa mal einer nachmachen." (Dresdner Anzeiger vom 17. Juni 1934)

Überschrift im Dresdner Anzeiger vom 17. Juni 1934
Überschrift im Dresdner Anzeiger vom 17. Juni 1934

"Den Jubel möchten wir hören, falls einer unserer Ostsachsen den fast unbezwingbar dünkenden 'Nationalheros' aller Spaniolen durch einen Treffer bezwingt. Er braucht dann ja nicht, wie angeblich vor Jahren ein Leipziger Stürmer, einen kleinen 'Spleen' bekommen, von dem die Mär umhergeht, er habe sich nach einem von ihm erzielten Tor, gegen Zamorra erzielt, Visitenkarten mit der Unterschrift 'Zamorrabezwinger' drucken lassen. Wenn's wirklich nicht wahr ist [...] zumindest gut erfunden. Noch einmal werden, wie beim Gastspiel des 1. FC Nürnberg, die Massen strömen, denn einen Zamorra sieht man selten! [...] Dies Erlebnis lässt sich so leicht kein Fußballfanatiker entgehen. Alex Schreiber (DSC.), als Beobachter bei der Weltmeisterschaft, bestätigt, daß Spanien unbedingt verdiente, im Endspiel um den Titel zu stehen! Ein anderer Deutscher, Kritiker von Ruf, meinte abschließend: 'Besonders reizvoll erscheint uns eine Begegnung mit den Spaniern, die auf uns den besten Eindruck machten. Ein Treffen gegen sie würde das deutsche Länderspielprogramm sportlich auch sonst bereichern. Sie spielen einen erstklassigen, methodischen Fußball. An den Spaniern können unsere Leute wahrscheinlich ohne allzu große Gefahr für die Gesundheit ihrer Knochen lernen, wie man lateinische Spielweise bekämpft!'"(Dresdner Anzeiger vom 17. Juni 1934)

Der DA verkündete folgende Spieler in der Startaufstellung der Madrilenen: Zamorra (44 Länderspiele), Samitier (20), Luis Regueiro (16), Jacinto Quincoces (16), Ciriaco Errasti (15), Jaime Lazcano (6), Hilario (2), Pedro Regueiro (2), Leoncito (2), Valle (1). 10 Nationalspieler mit zusammen 124 Länderspielen auf dem Buckel. Zum Anstoß meldete sich aber Samitier krank und wurde von Olivares ersetzt, außerdem spielte Bonet für den "Corzo" (Reh) genannten Luis Regueiro. Antonio Bonet Silvestre bestritt in seiner Karriere kein Länderspiel, Manuel Olivares hatte im Laufe des Jahres 1930 immerhin einen Einsatz verbuchen können. Wonach die MFC-Mannschaft aber immernoch auf 89 Länderspiele kam.

 

Der Dresdner SC musste auf Kurt Stössel verzichten, der in seiner Karriere auch auf ein Länderspiel kam. Die meisten Länderspiele im Team hatte Richard Hofmann (19), dicht gefolgt von Willibald Kreß (16). Zusammen kam die DSC-Truppe immerhin auf 38 Länderspiele.

 

Mannschaftsfoto Madrid:

Dresdner Anzeiger vom 17. Juni 1934
Dresdner Anzeiger vom 17. Juni 1934

Da der DA verkündete, der DSC spiele "in der 'Hamburger Aufstellung' wie gegen den HSV.", fand das Spiel gegen die Hansestädter wohl statt. Ein weiterer Grund, nocheinmal die Zeitungen zu wälzen. Über die Spieler steht geschrieben:

"Spiel wird davon abhängen, wie Thierfelder ins Spiel kommt.

Kreß wird Zamorra ausstechen wollen, Müller darf daran erinnert werden, daß ein blinder 'Kampf gegen den Mann' bei der Technik und Schnelligkeit der Gegner aussichtslos ist - und nur Überlegung hier etwas zustande bringt, blitzschnelles Handeln, genaues Passen, wütende Kraftschüsse, auf den Zentimeter placiert, denn ein Zamorra steht da zwischen den Pfosten. [...] Pfeffer im Spiel zu zeigen und doch sinnvoll-draufgängerich, nicht so buff-buff. Richard Hofmann, bitte wieder einmal solche Bombenmarken alter Glanzzeitschüsse, aus der 'Kiste von 1928 oder von England gegen Schweden (Berlin-Köln).' Schöns bezaubernde Ballführung wird sich bei so fairen Gegern - darauf legen sie besonders Wert - auswirken. Auch der 'Karli' Schlösser nimmt sich wohl einiges vor.

Insgesamt unvergeßliche anderthalb Stunden, die uns erwarten, von deren Erinnerung man später sagt.: 'Du, weißt du noch, damals, als Zamorra, als Samitier, als Regueiro....' hoffentlich tauchen in diesem Zusammenhang dann auch viel Dresdner Namen rühmlich auf." (Dresdner Anzeiger vom 17. Juni 1934).

Dresdner Sport-Club

 

Kreß (16 Länderspiele)

 

Kreisch  -  Clauß

 

Bergmann  -  Thierfelder  -  Hartmann

 

Schlösser (1)  -  Adami (46. Süß)  -  Schön  -  Hofmann (19)  -  Müller (2)

 

 

 

0:3 (0:1)


 

Jaime Lazcano (6)  -  Olivares  -  Antonio Bonet  -  Hilario (2)  -   Eugenio

 

Pedro Regueiro (2)  -  Valle (1)  -  Leoncito (2)

 

Ciriaco Errasti (15)  -  Jacinto Quincoces (16) 

 

Zamorra (44 Länderspiele)

 

Madrid Football-Club

 

Tore: 0:1 Lazcano (39.), 0:2 Hilario (58.), 0:3 Lazcano (87.)

 

Zuschauer: 10.000 (DSC-Stadion)

 

Vor dem Anstoß, bei der Begrüßung der beiden Mannschaften, wurde dieses Foto von Richard Hofmann und Ricardo Zamorra aufgenommen. Ein echter Schatz aus dem Friedrichstädter Sportmuseum, welches in der Sportbild-Serie "KÖNIG FUSSBALL" als Sammelbild erschien:


Am Tag nach dem Spiel, dem 18. Juni 1934, titelte der DA: "2:5 in Chemnitz, 3:0 in Dresden. Das 'Doppelgesicht' der spanischen Fußballgäste - DSC.-Sturm enttäuschte".

 

Worauf das harte Urteil über die Leistung der Rothemden folgte: "Erstaufführung des spanischen Fußballs in Dresden - das bedeutet dasselbe, als wenn amerikanische Leichtathleten, italienische Fechter, skandinavische Wintersportler auf ihrem Spezialgebiet uns besuchen. Die rund 10.000 Zuschauer gestern hofften mit vollem Recht, nach der 2:5-Niederlage der Madrider in Chemnitz gegen den PSV., auch unser DSC. werde die Chance wahrnehmen und den Zamorra und Kameraden ein paar Treffer aufbrummen. Dazu kam es nicht, weniger, weil der berühmte Torwart alles wegfing. Er bekam weniger zu tun und minder gefährliche Sachen zu halten als sein Gegenüber Kreß, Einmal, weil der rotschwarze Sturm nach Strohfeuerbeginn keinen ernsthafen Schuß fertigbrachte - Umstellung des Systems nach jedem neuen Trainer? Zweitens, da sein hervoragendes Verteidigerpaar alles zunichte machte [...], der linke Verteidiger mit dem berühmten weißen Stirnband. Daß tauchte auf, wo's brenzlig wurde, wirbelte durch die Luft. Aber meist war dann auch die schlimmste Gefahr durch diesen 'Gummimann', wie man ihn nannte, gebannt! Leider hinderte das hohe Gras bisweilen.

[...]

"Blender sind die Madrider gewiß nicht. Sie hielten ihre Prophezeiung trotz der vorausgegangenen Schlappe, besser, vielleich grade wegen ihr! An einen Sieg des DSC. sei nicht zu denken, wurde uns vor dem Spiel als letzte Meinung der Spanier unterbreitet. Hätten sie doch lieber nicht recht behalten!  [...] 'Do kanscht' nix mache!' tröstete sich ein bekannter badischer Torwart in solchen Fällen. Warum soll's der Willibald Kreß nicht tun, wo ihm doch wirklich keine Vorwurf als besten Mann seiner Mannschaft trifft, der spanischer hielt als Zamorra

[...]

Schöns Vorlagen waren wieder eine Augenweide von höchstem Fußballgefühl.

[...]

Anfangs lief das DSC-System: Eifer, Zweckmäßigkeit, schnelles, genaus Abspiel auf Lüde und freien Raum, alles war da. Nur beim Kopfspiel bei hohen Bällem stemmte sich Madrid dazwischen. Beinahe verwirkte Clauß durch Streden einen Elfmeter gegen Lazcano (22. Minute) - Kurz darauf drei- bis vierfache Abwehr hintereinander: 'Wer alles dort sein Bein hingehalten hat", meinte der Kollege nebenan. Ausgefallenere Sachen bekam bis dahin Zamorra nur zwei zu halten - und seinetwegen war man doch gekommen.

[...] so musste das Führungstor fallen.: auf Clauß' Fehler hin tippte der Rechtaußen Lazcano in der 39. Minuten wuchtig-placiert im Nach- und Nahschuß aus dem Gewühl in die Ecke zum 1:0. Völlig verdient nach ihrem Drängen.

Auch mit der steilstehenden Sonne kam DSC. nicht recht auf die Beine. Dagegen gaben die Sénors ein Musterdurchspiel: rechts - links - Flügelpaß, zurück zum mitgelaufenen Liliput Hilario - und, kleiner Mann, durchaus nicht, was nun, sondern mit wundervoller Ruhe hob der aus dem Fluge das Leder so raffiniert auf die Stelle, wohin selbst Kreische seine Finger mehr strecken konnte: 2:0 -- 53. Minute. 'Wilde Sachen' erhielt der 44fache Internationale im Spaniertor gar nicht abzuwehren. Ganz kurz vor Schluß, als ganz Eilige schon das 0:2 in die Welt hinausposaunt hatten, sunkte Lazcano von außen hoch auf den 'Kasten', als Kreß ein paar Schritte herausgeeilt war. Das 0:3 stand 3 Minuten vor Abpfiff fest." (Dresdner Anzeiger vom 18. Juni 1934.)

Flagge der Zweiten Spanischen Republik
Flagge der Zweiten Spanischen Republik

Zum Verständnis: Seit dem Jahr 1931 war in Spanien nicht nur die Monarchie am Ende, sondern es wurde versucht eine Demokratie zu etablieren. In der sogenannten "Zweite Spanischen Republik" wurden dann die Insignien der untergegangen Monarchie verboten. Daraufhin musste der Verein den Namenszusatz "Real" streichen.

 

In der Zeit der Republik wurden die Madrilenen zunächst vom Ungar Lippo Hertzka trainiert, während Santiago Bernabéu den Posten des sportlichen Leiter ausübte. Beide holten 1931/1932 den ersten Meistertitel für Madrid. Benabéu ist heute vor allem noch wegen der nach ihm benannten Spielstätte der Königlichen bekannt. Die damaligen Stars der ersten Meistermannschaft waren das Abwehrtrio, bestehend aus den Innenverteidigern Jacinto Quincoces und Ciriaco Errasti und der Torhüterlegende Ricardo Zamorra. 

 

Der Ungar Lippo Hetzka wurde 1932 als Trainer vom Engländer Robert Firth abgelöst. Unter ihm konnte Real 1933 den Meistertitel verteidigen und 1934 auch den Pokal gewinnen. Mit ihm gastierte Real bzw. der Madrid Football Club schließlich auch in Dresden.

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